Und jetzt?

Und jetzt?

Als meine Mitschülerinnen und Mitschüler sich diese Frage stellten, unsicher und ratlos, konnte ich mich zurücklehnen.

Sie kämpften sich durch Studienführer, Auflistungen von möglichen Ausbildungsberufen und suchten nach ihrer eigenen Zukunft, während ich schon 1 Jahr vor dem Abitur meinen Ausbildungsvertrag unterschrieben hatte.

Ich war so froh, diesem Kampf mit sich selbst aus dem Weg gegangen zu sein. Ich glaube, ich war ungefähr 12 Jahre alt, als ich das erste Mal sagte: „Ich will Köchin werden!“

Wie kam ich überhaupt darauf? Wahrscheinlich hatte es viel damit zu tun, dass meine Eltern immer gerne mit uns in Restaurants gingen, und ich so die Möglichkeit hatte, viel gutes, mittelmäßiges, aber auch hervorragendes Essen zu probieren. In meiner Kindheit und Jugend kamen dann langsam die vielen, vielen Kochshows im Fernsehen auf, Tim Mälzer, das Kochduell, und so weiter. Das waren meine liebsten Fernsehabende.

Klar, diese vielen Star-Köche und Kochshows haben schon viele junge Menschen geködert, die dann später festgestellt haben, dass die Realität in einer professionellen Küche nun einmal anders aussieht. Das war nicht das Problem. Meine Mutter klärte mich schnell darüber auf, dass die Gastronomie ein hartes Pflaster ist, dass Überstunden und Wochenendarbeit der Normalfall ist, dass in einer Küche nicht nur Schimpfworte hin- und herfliegen, sondern im schlechtesten Fall auch mal eine Pfanne.

Ich ließ mich nicht abschrecken.

Als ich in dem großen Sternehotel anfing, war mir klar, dass der Arbeitsalltag in einer Küche hart ist. Was mir nicht bewusst war, war die Tatsache, dass ich dafür eigentlich nicht geeignet bin. Ich nahm am Anfang ungefähr 8 Kilo ab, ich heulte Rotz und Wasser, wenn ich Fehler machte (und ich machte viele Fehler) und ließ mich immer wieder zusammenstauchen. Trotzdem hielt ich durch.

Warum eigentlich?

Irgendwann wurde es besser. Ich lernte, die Spiegeleier in Sekundenschnelle aus der Pfanne auf den Teller zu manövrieren, ohne dass mir das Eigelb zerriss, ich lernte, „Jawohl“ zu sagen, mit ausdrucksloser Miene, die Tränen irgendwo zwischen Herz und Kehle versteckt.

Der Chef begann, mir mehr zuzutrauen, ich wechselte vom Früh- in den Spätdienst, bekam Lob, verbockte wieder etwas, wurde zusammengestaucht, biss die Zähne zusammen und bekam irgendwann wieder ein kleines, verstecktes Lob.

Ich durfte auf die Blockhütte, ganz alleine und selbstständig arbeiten, wurde für den Gardemanger-Posten (Salate&Vorspeisen) eingeteilt, immer wieder ein Fehler, immer wieder ein schlechter Tag. Aber auch immer wieder neue Chancen, mich zu beweisen, der Postenchef krank, der andere ausgelernte Koch hatte kurzfristig gekündigt, „Na, eigentlich solltest du das auch alleine schaffen, mach mal.“

Zwei Tage war ich verantwortlich für den Posten, „Chefazubine“, nachdem das gut geklappt hatte, nahm mich der Souschef unter seine Fittiche und begann, mich zu fordern und zu fördern.

Ich hielt durch, aber war ich glücklich? Ich glaube nicht. Mir wurde viel zugetraut, viel mehr, als ich mir selbst zutraute. Immer wieder blickte ich auf andere Auszubildende, die ich für besser hielt als mich selbst und fragte mich, woran es lag. Was hatten meine Kollegen in meinen Augen was mir fehlte?

Ich glaube, es war die Leidenschaft. Nicht die Leidenschaft fürs Kochen, für gute Lebensmittel und feines Essen, davon habe ich selbst genug. Nein, es war die Leidenschaft für den Beruf selbst. Der Spaß am Stress. Die anderen schienen dabei aufzublühen, mich machte es nur fertig.

Lange Zeit dachte ich, es läge nur an meinem Ausbildungsbetrieb, an den teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen, bei denen unvergütete Überstunden zum System gehören. „Das wird alles besser, wenn ich hier erst einmal raus bin und anderswo arbeite!“

Nein, leider nicht. Nach der Ausbildung hatte ich dann die Arbeitsstelle, die ich mir gewünscht habe. Gehobene Küche, ein familiäres Arbeitsumfeld, keine Lästereien zwischen den Angestellten mehr und ein Chef, der tatsächlich auf die Einhaltung der Arbeitszeit und unsere Pausen achtet. Als ich nach kurzer Zeit wieder unzufrieden war, habe ich es dann endlich verstanden. Ich will kein Koch mehr sein.

Auffällig sind auch meine Ergebnisse in den Abschlussprüfungen: In den schriftlichen Prüfungen habe ich hervorragende Ergebnisse erzielt, die praktische Prüfung war schrecklich. Widerstrebend musste ich feststellen, dass ich mich falsch eingeschätzt hatte. Ich bin nicht der reine Praktiker, der für „Bürojobs“ nicht geeignet ist, so sehr ich mich immer gegen diese Vorstellung gewehrt habe. Fakt ist, ich habe Spaß am Lesen, am Zusammenfassen, am Schreiben, am Gestalten, am reinen Lernen ohne direkten Praxisbezug.

Und was mache ich jetzt?

Zuerst wollte ich an hart an meinen Zeichenkünsten arbeiten, um einen echten Traumberuf zu ergattern: Game Designer oder Illustrator. Leider musste ich auch diese Idee wieder über den Haufen werfen. Auch wenn ich Videospiele, Konzeptzeichnungen und Kunst liebe, auch hierfür fehlt mir wohl die nötige Leidenschaft, um jeden Tag aufs Neue kreative Ideen auszuspucken.

Aber halt, eine Sache weiß ich sicher: Ich liebe Videospiele. Ich liebe Kunst. Ich liebe Comics, ich liebe Filme, Serien, Bücher, Zeitschriften, Blogs, gute Fernsehsendungen. Ich kann mit viel Leidenschaft und Herzblut davon erzählen und darüber diskutieren.

Ich liebe Medien.

Ist das vielleicht meine Zukunft?