Von der Hilflosigkeit eines Möchtegern-Weltverbesserers

„Wer nichts weiß, muss alles glauben.“  (Marie von Ebner-Eschenbach)

Ein großartiges Zitat. Das Problem ist nur: Wer wiederum zuviel weiß, fühlt sich leicht überwältigt. Die Menschheit verbraucht zu viele Ressourcen. Die Menschheit versklavt und quält Tiere. Menschen in Dritte-Welt-Ländern müssen wie Sklaven arbeiten. Der Regenwald wird abgeholzt. Die Menschheit treibt den Klimawandel voran. Plastikmüll verpestet die Ozeane.
Ich will etwas dagegen tun. Das will ich wirklich! Aber wo fange ich an und wo höre ich auf?


Ich werde es niemals schaffen zu 100% ökologisch korrekt zu leben. Aber wo setze ich meine Prioritäten? Finde ich es schlimmer, dass für Leder Tiere sterben oder für die Kunststoffalternative Ressourcen verbraucht werden und letztendlich auch der Berg an Plastikmüll zunimmt? Will ich Kleidung aus Wolle, bei der ich nicht sicher sein kann, ob bei den Schafen Mulesing angewendet wurde oder entscheide ich mich für Baumwolle, bei deren Herstellung enorm viel Wasser verbraucht wird? Ich will keine Milch mehr trinken, weil ich keine Industrie unterstützen möchte, in der Kälber als Nebenprodukt gesehen und direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt werden, die durch krankhafte Überzüchtung Euterentzündungen hat. Aber wo kommen eigentlich die Haselnüsse für meine Haselnussmilch her? Vor wenigen Tagen habe ich von unterbezahlten Wanderarbeitern und Kinderarbeit bei Haselnusspflückern in der Türkei gelesen. Wie kann ich sichergehen, dass ich diese Ungerechtigkeit nicht unterstütze?

Und wie weit bin ich bereit, mich selbst einzuschränken, ohne dass mir die Freude am Leben abhanden kommt? Das ist ja auch nicht Sinn der Sache, vor lauter Korrektheit die eigene Zufriedenheit aus den Augen zu verlieren.

Es gibt Dinge, die fallen mir leicht. Ich esse kein Fleisch und keinen Fisch, kein Problem, mir fehlt nichts. Zuhause esse ich Haselnussmilch im Müsli und trinke Sojamilch im Kaffee, Eier zum Frühstück gibt es für mich nicht mehr. Aber will ich jeden Tag extra für mich kochen, weil meine Mutter ihre Gemüseaufläufe mit Sahne und Käse überbackt? Verweigere ich den Kuchen meiner Oma, weil sie Eier verwendet? Will ich von jedem Gastgeber erwarten, dass er für mich vegan kocht?

Plastiktüten beim Einkaufen lehne ich ab, was ab und zu auf Befremden stößt („Ja aber…die ist umsonst!“). Das ist das Mindeste, was ich zur Plastikmüllvermeidung tun kann. Aber was ist mit Nudeln, Reis, Tofu, Tempeh, Pflanzenmilch? Alles in Plastik verpackt, ich glaube nicht, dass es in meiner Nähe eine Quelle für verpackungslose Grundnahrungsmittel gibt. Selbermachen? Ja, davon bin ich ein großer Freund, aber auch hier sind die Möglichkeiten begrenzt. Und manchmal möchte ich auch einfach in den Supermarkt gehen und meine Nudeln fix und fertig kaufen. Weil es einfach ist. Weil es bequem ist.

Wie weit will ich auf meine eigene Bequemlichkeit verzichten, um ein Stück Welt zu retten?

Flugzeuge sind schlecht. Flugzeuge sind ein Klimakiller. Und trotzdem träume ich vom Reisen, von fernen Ländern. Chile, Kanada, Marokko, Japan. Soll ich diese Träume begraben?

Das Problem ist: Unser ganzes System ist auf Ausbeutung und Zerstörung aufgebaut. Die Menschen haben sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, dass ihnen alle Möglichkeiten offen stehen, der Überfluss ist zur Norm geworden. Auch für mich. Es ist schwer, aus diesem System auszubrechen.

Zudem fühlt man sich als Einzelkämpfer. Die wenigsten Menschen sind überhaupt dazu bereit auf ein winziges Stück ihres Luxus, ihrer Bequemlichkeit zu verzichten. Sie denken nicht einmal darüber nach. Ich kann es ihnen kaum verübeln. Man wächst in dieser Luxusblase auf, warum sollte man sie verlassen?

Wenn ich darüber nachdenke, bin ich mir sicher, dass ich schon viel mehr tue, auf viel mehr verzichte als der Großteil der Bevölkerung in den reichen Ländern. Aber ich weiß zuviel. Ich weiß, dass es nicht genug ist. Dass es nie genug sein wird, weil ein bestimmter Grad an Egoismus immer übrig bleibt. Davon muss etwas übrig bleiben, weil ich auch meine eigene Zufriedenheit im Blick behalten muss.

Wie finde ich die richtige Balance?

Ein Gedanke zu “Von der Hilflosigkeit eines Möchtegern-Weltverbesserers

  1. ja, hier die richtige balance zu finden… dabei stoße ich auch immer wieder auf meine grenzen! und auch ich habe den eindruck, je mehr man sich informiert, je mehr man weiß, desto schlimmer wird es. dann kann man irgendwann gar nix mehr ohne schlechtem gewissen einkaufen!
    mir hilft es sehr, meinen prinzipien ausnahmslos treu zu bleiben (zb. dem veganismus), dafür bei anderen dingen kompromisse einzugehen (habe ein auto anschaffen müssen weil ich in ein haus am land gezogen bin).
    trag soviel dazu bei wie du kannst und für dich im lebenswerten bereich liegt. wenn das jeder machen würde, würde sich schon vieles verändern. und denk dran: keiner ist perfekt!

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